«Ein Velo ist die Antwort auf alles»

Hans Harrison Lyombe leitet seit der Gründung im Jahr 2015 Velafricas Partnerorganisation ABC in Tansania. Er ist überzeugt, dass Velos der Schlüssel zu einem guten Leben sind – und er hat beobachtet, wie das Velofahren in und um Arusha immer beliebter geworden ist. Ein Interview.

Hans, du hast einen Background in Finanzen. Wie wurdest du zum Geschäftsführer eines Velounternehmens?

Ich habe meine berufliche Laufbahn als Buchhalter in einem Unternehmen gestartet, das Tansanit abbaut. Tansanit ist ein seltener Edelstein und kommt nur in Tansania vor. Als das Unternehmen verkauft wurde, war ich interessiert daran, etwas Neues zu machen und habe damit angefangen, gebrauchte Handys und Zubehör zu verkaufen. Eines Tages verkaufte ich ein Handyzubehör an ein Vorstandsmitglied von ABC, genau zur Zeit, als ABC mit Unterstützung von Velafrica gegründet wurde. Wir kamen auf meine Ausbildung zu sprechen und er vernetzte mich mit Nikolai, dem Co-Leiter von Velafrica. Ich war sehr interessiert daran, in den Velosektor einzusteigen; es war ein komplett neuer Bereich für mich und bevor ABC gegründet wurde, bestand der Velosektor in Arusha vor allem aus Kleinunternehmer:innen. Einige Freunde und Familienmitglieder kritisierten meine Entscheidung, weil sie nicht glaubten, dass man mit dem Vertrieb von gebrauchten Velos seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Doch ich sah eine Chance und beschloss, sie zu ergreifen.

Hans am Standort Moshi (Tansania). ©Chimwemwe Mkandawire (2021)

ABC ist also das erste formelle Velogeschäft in Arusha. Kannst du uns mehr darüber erzählen, wie die Menschen früher Velos genutzt haben und wie sich das durch ABC verändert hat?

Lange Zeit wurden Velos mit Armut in Verbindung gebracht und Velofahren galt als Notwendigkeit für jene, die keine anderen Transportmöglichkeiten hatten. Auch wenn diese Denkweise immer noch vorkommt, haben wir in Arusha und darüber hinaus eine wichtige Rolle dabei gespielt, sie zu verändern. Zum Beispiel, indem wir beliebte Velo-Veranstaltungen unterstützen und daran teilnehmen. Was ABC betrifft: Wir sind von anfangs einem kleinen Büro mit jährlich 500 Velos auf vier Filialen gewachsen, die pro Jahr über 6’000 Velos von Velafrica beziehen. Inzwischen gibt es auch mehr Kleinunternehmer:innen im Velosektor, weil sie die erhöhte Nachfrage nach Velos erkannt haben. Um uns von anderen abzuheben, fokussieren wir uns auf professionellen Service und bieten Ersatzteile und Zubehör von Schweizer Marken an.

Wie erfahren die Menschen von ABC und seinen Dienstleistungen?

Früher haben wir unsere Angebote im Radio beworben, heute vor allem über Social Media. Wir nehmen auch an Veloveranstaltungen teil und verteilen Werbeartikel wie T-Shirts und Schweissbänder mit ABC-Branding. In unseren Läden stellen wir viele Fahrräder aus, damit Kund:innen unsere breite Auswahl erkunden können. Auch Mundpropaganda bleibt wichtig – auch unter internationalen Reisenden, die bei uns ihre Fahrräder reparieren lassen, während sie durch Afrika reisen.

Der Verkaufsraum von ABC in Arusha (Tansania). ©Velafrica (2026)

Kannst du den Unterschied zwischen ABC und ABC Impact erklären?

ABC wurde als Sozialunternehmen gegründet, bei dem jeder Gewinn in Gemeinschaftsprojekte floss. Nach einigen Jahren trennten wir den kommerziellen Bereich von den sozialen Programmen, um den nationalen Vorgaben zu entsprechen. Heute führt ABC Impact gemeinsam mit Velafrica die sozialen Projekte durch, wie etwa «Bike to School» und «Bikepreneur», neben anderen Initiativen wie «Youth Bike Academy». ABC Bicycle Company Ltd hingegen kauft gebrauchte Velos von Velafrica und verkauft sie in vier Veloläden an die lokale Bevölkerung weiter, um der hohen Nachfrage nach erschwinglichen und nachhaltigen Fortbewegungsmitteln gerecht zu werden.

ABC bildet auch Velomechaniker:innnen aus. War das von Anfang an ein Ziel oder hat sich das mit der Zeit entwickelt?

Wir haben von Anfang an gesehen, dass wir ein eigenes Ausbildungsprogramm für Velomechaniker:innen brauchen, weil uns klar war: Wenn wir Velos bereitstellen, müssen diese irgendwann auch gewartet werden. Und umso mehr, je mehr Velos wir ins Land bringen. Es gab zwar bereits einige Mechaniker:innen in der Region, aber sie waren nicht professionell ausgebildet. Trotzdem war es eine Herausforderung, ein Programm aufzubauen, das den Teilnehmenden nicht nur ermöglicht, bei ABC einzusteigen, sondern auch unabhängig zu werden und so den Velomarkt weiter wachsen zu lassen. Im vergangenen Jahr haben wir schliesslich 16 Kandidat:innen ausgebildet und in diesem Jahr weitere 16.

Was braucht es deiner Meinung nach, damit bis 2030 viel mehr Menschen ein Velo von ABC fahren?

Ich denke, das Wichtigste ist, die Gemeinschaft noch stärker einzubeziehen, zum Beispiel durch gemeinsame Ausfahrten am Wochenende. Auf diese Weise bleiben wir bei den Menschen präsent – sowohl wenn sie ein Fahrrad kaufen wollen als auch wenn sie es reparieren lassen müssen. Ganz allgemein hoffe ich aber, dass Velos immer mehr als Schlüssel zu einem guten Leben gesehen werden, ähnlich wie in Europa. In einer Zeit, in der nichtübertragbare Krankheiten in Afrika zunehmen, ist ein Velo die Antwort auf alles: Man bleibt fit, lässt alles andere hinter sich und konzentriert sich nur auf die Strasse, man schützt die Natur, kann wertvolle Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen, Geld sparen, aber auch seinen Lebensunterhalt verdienen. Ein Velo hat so viel Potenzial!

Fördern Sie den Velosport in Arusha!

Mit einer Spende von 75 CHF ermöglichen Sie z. B. die Aufbereitung und den Export eines weiteren Velos nach Tansania. Vielen Dank!

Weitere Interviews mit Partnern in Afrika

Mehr als ein Veloladen

Velafricas Partner in der Elfenbeinküste, Sport3, ist nicht „nur“ ein Veloladen, sondern auch ein Veloclub. Das Team rund um den Gründer Nicolas de Roux fördert mit regelmässigen Velorennen und einem Freizeitprogramm für Kinder gezielt die lokale Velokultur. Ein Interview.

Nachhaltige Kompetenzen vermitteln

Karim Rouamba arbeitet seit über sechs Jahren beim Partnerunternehmen von Velafrica in Burkina Faso, dem Velozentrum Faso Velo. Er hat miterlebt, wie das Unternehmen gewachsen ist und gibt jetzt sein Wissen an zukünftige Velomechaniker:innen weiter. Ein Interview.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner