Das Velo ist ein geniales Fortbewegungsmittel, findet Radrennfahrerin Marlen Reusser, die seit letztem Jahr Botschafterin von Velafrica ist. Gleichberechtigung, Förderung von jungen Frauen durch Bildung und ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit sind weitere gemeinsame Werte. Selber lebt die erfolgreiche Sportlerin ihre Werte vor und scheut sich nicht, pointierte Statements abzugeben.
Marlen, was kannst du als Botschafterin für Velafrica bewirken?
Als Botschafterin kann ich die Idee von Velafrica verbreiten und bekannter machen. Velomobilität ist definitiv gesund, nachhaltig, einfach zugänglich und sie bringt Menschen grossen Mehrwert. Toll, wenn das Fahrrad auf dem afrikanischen Kontinent noch stärker präsent ist, denn je nach Land ist die Velokultur sehr unterschiedlich verankert. Zudem stärkt Ausbildung Frauen in Afrika und ermächtigt sie zu Selbständigkeit.
Wer hat dich zu der starken Frau gemacht, die du heute bist?
Das ist eine schwierige, philosophische Frage. Ein Mensch wird bestimmt durch Genetik, Zeit, in der er lebt, Kultur, persönlichem Umfeld und Erlebnissen. Das Potpourri davon hat bei mir dazu geführt, dass ich versuche, eine starke Frau zu sein. Ob ich eine bin, weiss ich nicht. Ich habe aber das Rüstzeug, mich und gewisse Umstände zu hinterfragen. So nehme ich nicht jedes Defizit auf meine Schultern und traue mir etwas zu. Es gelingt mir, Dinge aus der Vogelperspektive zu betrachten und einzuordnen. Ich überlege mir nie, bin ich stark, sondern gehe voran mit dem, was mir wichtig ist. Vielleicht ergibt sich daraus meine Stärke.
Was war dein Traumberuf als Kind?
Coiffeuse oder Dressurreiterin waren meine Favoriten.
Wenige Mädchen wollen Velomechanikerin werden. Hier und in Afrika wird der Beruf häufiger von Männern ausgeführt. Was kann Velafrica machen, um diese Rollenbilder aufzuweichen?
Es braucht noch mehr Velomechanikerinnen und generell Frauen, die sogenannte Männerberufe wählen und Vorbilder werden. Unsere Gesellschaft braucht diesbezüglich noch viel Schub und Velafrica kann einen Beitrag leisten.

Du kämpfst dafür, als Profi-Radrennfahrerin sicht- und hörbar zu sein. Deine Medienpräsenz in letzter Zeit war beeindruckend. Spürst du, dass sich etwas in Bewegung setzt?
In den letzten Jahren ist das Thema Frauensport stark diskutiert worden. Häufig wird er in den Medien aber als Problem dargestellt und das stört mich. Statt über Frauenförderung zu debattieren, sollen doch einfach all die erfolgreichen Sportlerinnen eine angemessene Berichterstattung erhalten. Wenn sie sichtbarer sind, merkt das Publikum, dass es genauso spannend ist, Frauen zuzuschauen. Gleichberechtigung haben wir dann erreicht, wenn sich diese Frage nicht mehr stellt.
Was erhoffst du dir für deine Zukunft?
Eigentlich nichts Besonderes. Das Leben soll mir Freude bereiten. Ich habe Lust auf Leben und auf Erleben. Was das genau heisst, werde ich sehen. Ich hoffe, dass ich von Menschen umgeben bin, die zu mir stehen. Mein grösster Wunsch für uns alle ist, dass wir mehr Sorge zu uns und zur Umwelt tragen. Dafür setze ich mich immer wieder ein.
Was machst du am liebsten an einem freien Tag?
Körperlich nichts Anstrengendes, am liebsten mache ich etwas mit der Familie oder mit Freund:innen. Hauptsache nicht lange stehen oder laufen. Eine gemütliche Velofahrt ist auch immer gut.
Interview: Sabine Zaugg