Die 20-jährige Jackline Leonard hat erst vor zwei Jahren Velofahren gelernt, doch jetzt dreht sich ihr ganzes Leben um Velos. Die Absolventin von Velafricas «Bikepreneur»-Programm arbeitet als Velomechanikerin in Arusha, Tansania, und träumt davon, eines Tages ein eigenes Geschäft für Veloersatzteile zu eröffnen. Im Interview erzählt sie von ihrer neuentdeckten Leidenschaft für Velos.

Jackline, wie hast du dich entschieden, Velomechanikerin zu werden?
Ich habe im November 2023 die Sekundarschule abgeschlossen und war zum Uni-Studium in Buchhaltung in der Region Singida zugelassen. Aber leider konnte ich das Studium aus finanziellen Gründen nicht fortsetzen. Kurz darauf hat mich jemand aus dem Umfeld auf das «Bikepreneur»-Programm aufmerksam gemacht. Es hat mich sehr angesprochen, weil es nicht nur um Velomechanik geht, sondern auch um Unternehmertum, und es gab auch konkrete Optionen für eine Anstellung nach Abschluss. Deshalb habe ich mich sofort beworben.
Was war dein Bezug zu Velos, bevor du am «Bikepreneur»-Programm teilgenommen hast?
Ich habe erst durch meine Teilnahme am Programm Velofahren gelernt und etwa zur gleichen Zeit mein erstes Velo bekommen. Aber jetzt ist es für mich der Inbegriff von Freiheit und ich nutze jede Gelegenheit, um mit dem Velo neue Gegenden zu erkunden und neue Leute kennenzulernen. Ausserdem habe ich angefangen, ungenutzte Veloteile zu sammeln und daraus Dekoartikel für zu Hause und im Büro zu gestalten. Mein ganzes Leben dreht sich jetzt also um Velos!

Wie hat die Ausbildung zur Velomechanikerin dein Leben verändert?
Das «Bikepreneur»-Programm hat mein Leben komplett verändert – und nicht nur meines, sondern auch das meiner Familie. Es hat meine Denkweise verändert, insbesondere in Bezug darauf, wie ich Probleme löse und Zeit einplane, und natürlich habe ich viel Technisches in Velomechanik gelernt. In wirtschaftlicher Hinsicht hat mir das Programm ermöglicht, meine Familie massgeblich zu unterstützen. Ich half meiner Mutter dabei, ihr Schneidereigeschäft aufzubauen, sodass sie nicht mehr zu Hause arbeiten muss, sondern einen eigenen Arbeitsplatz hat. Ausserdem beteilige ich mich an den Schulgebühren meines jüngeren Bruders, die zuvor schwierig zu bezahlen waren.
Welche beruflichen Möglichkeiten eröffnete dir die Ausbildung?
Während der Ausbildung konnten wir zwischen zwei Optionen für nach dem Abschluss wählen: entweder selbstständiges Unternehmertum oder eine Anstellung als Velomechaniker:in. Ich entschied mich für letzteres, da ich mich in diesem Bereich am sichersten fühlte und es mir am meisten Spass machte. So wurde ich Velomechaniker:in bei ABC Impact, wo ich im Programm «Bike to School» für die Wartung von Velos tätig bin. Ich repariere Fahrräder, verwalte den Ersatzteilbestand, führe Sensibilisierungskurse durch und berate mein Team mit meinem mechanischen Wissen.

Wie reagieren die Schüler:innen, wenn du ihre Schule besuchst?
Sie freuen sich immer sehr, Velomechaniker:innen zu sehen. Diejenigen, die bereits ein Velo haben, kommen zu mir, um mich um Rat zu fragen. Zu den häufigsten Schäden, die ich repariere, gehören Probleme mit der Schaltung, defekte Bremsen, abgenutzte Reifen, beschädigte Sättel sowie Schwierigkeiten bei der Wartung von Kette und Schaltung. Ich muss die Leute auch regelmässig darauf hinweisen, ihre Velos nicht zu überladen.
Die Schüler:innen sind auch sehr daran interessiert zu lernen, wie sie ihre Velos selbst reparieren können. Selbst Eltern fragen, ob ihre Kinder kleinere Reparaturen erlernen können, weil es schwierig für sie ist, wenn das Velo weit weg von der Schule eine Panne hat und keine Werkstatt in der Nähe ist. Deshalb ist es für mich sehr bereichernd, mein Wissen weitergeben zu können.
Mit welchen Herausforderungen bist du in deiner täglichen Arbeit konfrontiert?
Eine der grössten Herausforderungen ist ein Mangel an Ersatzteilen während Reparaturarbeiten. Es kann frustrierend sein, wenn die Schüler:innen darauf warten, mit ihren Velos weiterfahren zu können, aber die Reparaturen aufgrund fehlender Teile nicht abgeschlossen werden können.
Eine weitere Herausforderung ist der Transport, insbesondere in ländlichen Gebieten, wo es keine regelmässigen Verkehrsverbindungen gibt. Manchmal müssen mein Team und ich mit Motortaxis zwischen den Schulen hin- und herfahren, was nicht immer sicher ist.

Was möchtest du als Nächstes lernen oder beruflich machen?
Ich möchte gerne meine Kenntnisse in der Achsvermessung, der Reparatur von Stossdämpfern und in hydraulischen Bremssystemen verbessern. Die Fahrradbranche entwickelt sich ständig weiter, und ich möchte mit den Entwicklungen mitgehen. Und eines Tages möchte ich mein eigenes Geschäft für Veloersatzteile gründen. Ausserdem will ich weiterhin ungenutzte Veloteile sammeln und sie zu Dekorationen umbauen und dabei meine mechanischen Fähigkeiten mit meiner Kreativität verbinden.
Interview von Calvin Exaud (ABC Impact) und Bettina Wyler (Velafrica)
Über das Berufsbildungsprogramm «Bikepreneur»
«Bikepreneur» ist ein zehnmonatiges Berufsbildungsprogramm für junge Menschen in Tansania. Neben Velomechanik umfasst die Ausbildung auch Grundlagen in der Unternehmensgründung und -führung sowie Innovation. Während des kostenlosen Programms erhalten die Teilnehmer:innen eine solide Grundlage für einen schnellen Einstieg in den Arbeitsmarkt.